Bauern, Bonzen, Bomben – die DVDs

DVD-Cover1972 wurde Hans Falladas Roman »Bauern, Bonzen, Bomben«, der in Neumünster spielt, in Neumünster, Schleswig und Eckernförde als TV-Fünfteiler verfilmt. Ende August nun erschien dieses insgesamt fast neun Stunden lange Fernsehspiel nach 35 Jahren auf drei DVDs. Die Verfilmung hat ihre Längen, über die dann auch die großartigen Schauspieler nicht immer hinweg helfen können. Und auch das Lokalkolorit hält sich in Grenzen. Hier und da sieht man das Neumünstersche Rathaus in der Totale, jemand geht rein oder raus, dort wird die Kreuzung Anscharstraße und Vicelinstraße als Hauptverkehrsader präsentiert, auf der sich die Protagonisten gern einmal mehr oder weniger gut gelaunt über den Weg laufen. Auch will es beim Anschauen so scheinen, dass die Bauern in der Romanvorlage nicht so im Vordergrund standen. Das ist dann allemal Grund genug, sich auch das Buch noch einmal vorzunehmen, über das 1931 selbst Kurt Tucholsky ganz aus dem Häuschen war:

Falladas Buch ist die beste Schilderung der deutschen Kleinstadt, die mir in den letzten Jahren bekannt geworden ist. Der Verfasser hat einen Bauernroman schreiben wollen – wohl anknüpfend an die Vorgänge in Neumünster in Holstein, wo Bauernführer im Sinne Klaus Heims und, unabhängig von ihm, die Nationalsozialisten die vorhandene Unzufriedenheit der Bauern benutzten, um gegen das, was sie die Republik nennen, vorzugehen.


Tucholsky weiter:

Gezeigt wird das politische Leben einer kleinen Provinzstadt; ihre Intrigen und ihre Interessenten; ihre Stammtische und ihre Weiberkneipen; ihr Rathaus und ihre Polizeiwache … es ist schmerzhaft echt. Das hat einer geschrieben, der diese Umwelt wie seine Tasche kennt, einer, der sich aber doch so viel Distanz dazu bewahrt hat, sie schildern zu können. Er hat genau die richtige Entfernung, deren ein Schriftsteller bedarf: nah, aber nicht zu nah. Es scheint mir ungemein bezeichnend, dass wir keinen solchen Arztroman haben; keinen solchen Börsianerroman; keinen solchen Großstadtroman: es ist, als hätten die Angehörigen dieser gehobenen Bürgerschichten keine Augen im Kopf, um das zu sehen, was rings um sie vorgeht. Es ist ihnen wohl zu selbstverständlich. Fallada hat gesehn.
Es ist eine Atmosphäre der ungewaschenen Füße. Es ist der Mief der Kleinstadt, jener Brodem aus Klatsch, Geldgier, Ehrgeiz und politischen Interessen; es ist jene Luft, wo die kleine Glocke an der Tür des Posamentierwarenladens scheppert und eine alte Jungfer nach vorn gestolpert kommt … Augen tauchen hinter Fensterladen auf und sehen in den ›Spion‹ … und wenn das nun noch ein Dichter geschrieben hätte, der nicht nur theoretisch im Vorwort sagt, dass dieses Altholm für tausend andre Städte stehe, sondern wenn er uns das nun auch noch im Buch selbst gezeigt hätte –: dann wäre dies ein Meisterwerk.
So ist es nur ein politisch hochinteressanter Roman geworden. Ich kann mir nicht denken, dass ich dieses Buch zu Ende gelesen hätte, wenn es etwa eine bretonische Kleinstadt schilderte; das kann für den Fremden nur ein Künstler wie Maupassant schmackhaft machen. Dieses Werk hier habe ich in zwei Nächten gefressen, weil es uns politisch angeht, nur deswegen. Beinah nur deswegen.

Mit einem Klick auf’s Zitat gelangt man zu Kurt Tucholskys kompletter Rezension von »Bauern, Bonzen, Bomben« aus der Weltbühne vom 07. März 1931
Wem die von Tucholsky so genannten »Vorgänge in Neumünster in Holstein« gerade nicht präsent sind, der kann sich in Helmut Höges Hausmeister-Blog recht umfassend davon unterrichten lassen. 1927, schreibt er, bombten in Deutschland die Bauern gegen Steuererhöhungen.

Sie nannten sich »Landvolkbewegung«. Diese ging von Nordfriesland bzw. Dithmarschen aus:
Diese Bauernkämpfe hatten zum Hintergrund eine massive Agrarkrise – im Zusammenhang der Weltwirtschaftskrise, von der vor allem die dortigen Mittelbauern betroffen waren, insofern sie als Viehmäster (Gräser) eine spekulative Landwirtschaft betrieben, d.h. sie nahmen Kredite auf, um im Frühjahr Mastvieh zu kaufen, dass sie anschließend mit Gewinn wieder zu verkaufen hofften. Weil aber immer mehr Billigimporte aus dem Ausland auf die Preise drückten, mußten viele Bauern Konkurs anmelden, zumal sie auch noch mit jede Menge Steuern belastet wurden. Bis 1932 wurden 800.000 Hektar Land zwangsversteigert und über 30.000 Bauern mußten ihre Höfe aufgeben.
»Keine Steuern aus der Substanz!« das war dann auch die Parole, unter der am 28. Januar 1928 140.000 Bauern in Heide, der Kreisstadt von Dithmarschen, demonstrierten. Ihre Sprecher wurden der Landwirt und Jurist Wilhelm Hamkens aus Tetenbüll im Eiderstedtischen und der Bauer Claus Heim aus St. Annen in Oesterfeld. Die beiden suchten sich ihre intellektuellen Bündnispartner sowohl in rechten als auch in linken Kreisen. Um die Landvolkbewegung voranzubringen, verkaufte der “Bauerngeneral” genannte Claus Heim dann 20 Hektar seines Landes und gründete eine Tageszeitung, außerdem wurden von dem Geld zwei Autos angeschafft. Als Redakteure gewann er den später kommunistischen Bauernorganisator und Spanienkämpfer Bruno von Salomon sowie dessen Bruder Ernst von Salomon, der zu den Rathenau-Mördern gehörte und in antikommunistischen Freikorps gekämpft hatte. Während die Kopfarbeiter fast alle aus der seit dem Kapp-Putsch berüchtigten »Brigade Ehrhardt« kamen, waren die Handarbeiter der Zeitung Kommunisten. Da man ihnen aus Geldmangel keine Überstunden vergüten konnte, durften sie gelegentlich auch eigene marxistisch inspirierte Artikel im »Landvolk« veröffentlichen.
Als Heims »Adjudant« fungierte jedoch bald der antisemitische Haudegen Herbert Volck, der wie folgt für die schleswig-holsteinische Bewegung gewonnen wurde: »Kommen Sie, organisieren Sie uns!« bat ihn ein Bauer in Berlin, »setzen Sie ihre Parole ‘Blut und Boden’ in die Tat um«. Volck gab ihm gegenüber zu bedenken, »ihr müßt euer Blut dazu geben«, nur für bessere »Preise von Schweinen, Korn und Butter kämpfe ich nicht«. Die Ursache für die wachsende Not der Bauern sah er darin, daß »plötzlich auf den jüdischen Vieh- und Getreidenhöfen die Preise herunterspekuliert« wurden. Und als wahre Kämpfer anerkannte er dann nur ganz wenige: »Claus Heim, der Schlesien- und Ruhrkämpfer Polizeihauptmann a.D. Nickels und ich,…keine Organisation, aber selbst bereit, in die Gefängnisse zu gehen, wollen wir dem Volke ein Naturgesetz nachweisen – das Gesetz des Opfers«.
Tatsächlich mußten die Aktivisten später alle unterschiedlich lange im Gefängnis sitzen. Die Landvolkbewegung radikalisierte sich schnell, zugleich spaltete sich ein eher legalistischer Flügel um Wilhelm Hamkens ab – und die schleswig-holsteinische NSDAP ging ebenfalls auf Distanz zur Landvolkbewegung. Es kam zu Bombenattentaten, Landrats- und Finanzämter wurden in die Luft gesprengt, und Polizei und Beamte daran gehindert, Vieh zu pfänden. Ein Landvolk-Lied ging so: »Herr Landrat, keine Bange, Sie leben nicht mehr lange…/Heute nacht um Zwei, da besuchen wir Sie,/ Mit dem Wecker, dem Sprengstoff und der Taschenbatterie!« Bei den Bombenattentaten wurde jedoch nie jemand verletzt. Einmal sprachen die Bauern sogar ein Stadtboykott – gegen Neumünster – aus, nachdem auf einer Bauerndemo ihr Fahnenträger, der Diplomlandwirt Walther Muthmann, schwer verletzt worden war. Er mußte dann nach Schweden emigrieren, später kehrte er jedoch wieder nach Deutschland zurück, wo man ihn für einige Wochen inhaftierte.
In Neumünster war 1928/29 der ehemalige Gutshofhilfsinspektor Hans Fallada Annoncenaquisiteur einer kleinen Regionalzeitung. Als ihr Gerichtsreporter saß er dann auch im Landvolk-Prozeß. Sein 1931 erschienener Roman »Bauern, Bonzen und Bomben« ist allerdings mehr ein Buch über das Elend des Lokaljournalismus als über die Not der Bauern. Von dieser handelte dann sein Roman aus dem Jahr 1938 »Wolf unter Wölfen«, in dem es um drei ehemalige Offiziere des Ersten Weltkriegs geht, die auf einem Gutshof bei Küstrin untergekommen sind. Auch Fallada arbeitete lange Zeit als Gutshilfsinspektor. Mit den Landvolkaktivisten teilte er dagegen mehrfache Knasterfahrungen. Während der »Bauerngeneral« Claus Heim bei seinem Prozeß und auch danach jede Aussage verweigerte, begannen seine Mitangeklagten schon in U-Haft mit ihren Aufzeichnungen.
Herbert Volck nennt seine abenteuerlichen Erinnerungen »Landvolk und Bomben«, Ernst von Salomons Erfahrungsbericht heißt »Die Stadt«. Erwähnt seien ferner die Aufsätze der Kampfjournalisten Friedrich Wilhelm Heinz und Bodo Uhse. Heinz arbeitete später im Range eines Majors mit antisowjetischen Partisanen in der Ukraine zusammen und machte dann eine kurze Karriere in Adenauers »Amt Blank«. Uhse brachte es zu einem anerkannten Schriftsteller in der DDR und war dort kurzzeitig Präsident der Akademie der Künste; seine frühere Frau Beate Uhse machte derweil in Schleswig-Holstein Karriere – mit einem Sexartikel-Versandhaus. Nach dem Krieg kamen vor allem Richard Scheringer und Ernst von Salomon noch einmal auf die Landvolkbewegung zu sprechen – Salomon in seinem berühmten Buch »Der Fragebogen« und der bayrische Bauer und DKP-Funktionär Scheringer mit seiner Biographie »Das große Los – unter Soldaten, Bauern und Rebellen«.

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